Leben und Arbeiten auf und um das Dach herum

Es gibt ganz schön viel zu berichten! Und nach einem starken Regenguss und gehöriger Dusche beim Planen zu machen, ist jetzt Zeit dazu. Vor fast zwei Wochen kamen wir an unserem freien Tag vom Blaubeeren Sammeln und im Gras liegen zurück und fanden vier liebe Menschen vor, die Bretter entnagelten. Sie waren vor einigen Monaten im Rahmen eines FSJ Seminars im Oberlinhaus gewesen und hatten vom Bauprojekt erfahren. Jetzt war ihnen beim Wandern schlechtes Wetter in die Quere gekommen und sie hatten beschlossen zum Helfen zu kommen. So kam es, dass unsere Zahl unerwartet anstieg und wir mit sehr angenehmen Menschen arbeiten, kochen, backen, schlemmen und am Kamin sitzen konnten - zu dieser Zeit gab es auch mal wieder einen Kälteeinbruch.

Einen Tag nach deren Abreise kamen unsere lang ersehnten Radler*innen und wir waren gleich noch viel mehr.
Und seitdem geht alles ganz rasant vom Fleck, denn 16 Menschen können auf ein Mal sehr viele Bretter lösen, Korkplaten verlegen, Ecken kleben etc. Uns war vorher klar, dass wir uns anders organisieren müssen, wenn wir mehr als doppelt so viele Personen sind. Dafür haben wir ein Team-System eingeführt: jeden Morgen werden Gruppen für die entsprechenden Arbeitsbereiche gebildet, die von je einer Person angeleitet werden, die sich mit dem entsprechenden Arbeitsteil schon auskennt. Zu Beginn war das z.B. Schalung entfernen, auf der Nordseite noch die letzte neue Schalung anbringen, Kork verlegen und den Kniestock ausräumen. In den letzten Tagen ist sehr viel Dampfsperre Verlegen und Verkleben dazu gekommen und das erste Dämmen mit der weichen Dämmung. Um das Kochen leichter zu machen, haben wir in unserem Dorf den Gasherd im zweiten Bus in Betrieb genommen. Jeden Tag kochen drei Menschen, die Lust haben - auf diese Weise haben wir einen fabelhaft abwechslungsreichen Speiseplan und morgens ab und zu sogar frische Brötchen!


Hier ein Bericht von einer Radler*in für euch:


Auszeiten


Ich liege auf dem warmen Gras. Der Wind raschelt in den Bäumen, Grillen zirpen, Vögel zwitschern und bei uns allen herrscht schläfrige, träge Pausenzeit. Seit einer halben Woche sind wir jetzt schon hier und das fühlt sich schon fast an wie eine kleine Ewigkeit.

Es war Donnerstag, der erste Ferientag um 8:30, Treffpunkt Konzerthaus Freiburg, wie eigentlich immer, wenn es für mich auf's Oberlinhaus geht. Anstatt der, für Tagungen typischen, rund sechzig Personen waren wir dieses Mal nur neun, ausgestattet mit Fahrrädern, Satteltaschen und allem, für das wir in dem recht geringen Gepäck Platz gefunden hatten. Nach einer kräftezehrenden, aber auch sehr erlebnisreichen Tour, bei der wir alle sehr viel Spaß hatten, aber manchmal auch hart kämpfen mussten, kamen wir abends hier oben an.

Seitdem leben und arbeiten wir auf und um das Dach herum. Die eine Seite wird schon neu gedeckt und die Dachdecker arbeiten sich langsam dem First entgegen. Auf der gegenüberliegenden Seite sind wir im Moment 16 junge Menschen, immer noch damit beschäftigt alte Balken auszutauschen und verschiedenste Arten Dämmung abzunehmen und später wieder durch Andere zu ersetzen.

Es ist Anfang der Sommerferien und somit auch Ende des Schuljahrs. Nach all der Zeit im Alltag und Klassenzimmer tut es ausgesprochen gut handwerklich zu arbeiten. Den ganzen Tag an der frischen Luft zu sein und nach einigen Stunden direkt sehen zu können wofür man geschwitzt hat, hat etwas sehr Befriedigendes. Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten zu unserem Projekt beitragen und über sich selbst hinaus wachsen.

Die Eine liebt es auf dem Dach und dem Gerüst herum zu klettern wie die junge Katze, der Andere Arbeitet lieber auf dem Boden und wieder Andere gerne in der Campküche in unserem kleinen „Dorf“, doch alle haben wir ein gemeinsames Ziel. Es ist so schön all das, von dem man schon so viel erzählt bekommen und gelesen hat selbst mitzugestalten. Inzwischen ist es Abend geworden. Ich sitze auf dem Gerüst, kurz unter dem Dachfirst, lasse die Beine Baumeln und genieße den Blick ins Tal. Vielleicht ist dieser Text für jemanden, der noch nie hier war schwer nachzuvollziehen, doch alle die, die diesen Ort kennen verstehen wahrscheinlich wieso er uns so viel bedeutet. Manchmal braucht man einfach eine kleine Auszeit vom Alltag.


Es ist sehr beindruckend zu sehen, mit wieviel Freude und Durchhaltevermögen die Jugendlichen jeden Tag arbeiten - nicht selten singt und lacht das halbe Dach. Manche Arbeiten ziehen sich über Tage, wie das Kork und Dampfsperre verlegen und ermöglichen es, sich damit ganz vertraut zu machen. Und gleichzeitig gibt es immer wieder neue Arbeiten zu erlernen - wie heute das Festziehen der Planen an den Überlappungsstellen und das drüber Schrauben einer Latte. Etwas zu tun, was mensch noch nie getan hat, erfordert immer wieder Mut und Vertrauen - in sich selbst und in die Person, die z.B. unten steht und Schritt für Schritt durch die Arbeit begleitet.

So haben wir uns in den letzten Tagen fast wie im Zeitraffer fortbewegt, die alte Schalung abgenommen, Glaswolle heraus gezupft, Dachfensterlöcher vergrößert, überwiegend fertig Kork verlegt, größere Morsche Stellen im Gebälk aufgespürt, als auf der anderen Seite, am Kniestock neues Ständerwerk montiert, die kleine Nordfassade mit weicher Dämmung gedämmt, fast ein Drittel des Dachs mit Dampfsperre bedeckt, mit der weichen Dämmung am dach begonnen, immer wieder großflächig aufgeräumt und noch einiges mehr. Und natürlich - je nach Vorliebe - Karten gespielt, gewürfelt, gesungen, in der Hängematte gekichert, Gespräche geführt und in der Gegend herum spaziert :)


Zum Abschluss noch ein zweiter Bericht:

Die rote Katze und der Meteor oder Bauliche Katzenaphoristik


So langsam werde ich groß, sagen all diese Menschenwesen um mich herum. Vor ein paar Tagen sind einige auf runden Dingern den Berg hoch gekrochen gekommen und seitdem habe ich fast zu viele Leute, die mit mit spielen würden. Das wird manchmal ganz schön schwierig, sich da zu entscheiden... Meine Mama findet, ich bin ganz schön verwöhnt durch all diese Leute, die mich so süß finden. Sie lachen über mich und fragen sich, ob Katzen auch in die Puberttät kommen können, weil ich nämlich nicht immer um Essen komme, wenn meine Mutter mich ruft (auch wenn es Mausschmaus gibt). Aber hier sind auch viel zu viele spannende Dinge zu entdecken: Das Gerüst ist zum Beispiel richtig gefährlich für kleine Katzenkinder, nur weil ich unbedingt mal die Sonne näher anschauen wollte (in der ich so gerne liege) bin ich imer höher aufs Dach geklettert. Die Anna hat mich versucht einzufangen, was aber nicht klappte. „Mißt, warum kann diese Katze einfach auf dem Kork rum laufen und ich muss immer auf den Brettern stehen“ sagte sie. Aber dann kam der große starke Wanja und hat mich einfach hinunter gebracht. Es ist ziemlich praktisch, dass die Menschen ihr Haus so auseinander pflücken – dann kann ich mir nämlich aus dem Papier ein Nest bauen und mich auf dem Holz oder den Korkplatten sonnen (nicht verraten, das machen die Menschen, meistens nachdem sie Mittags gegessen haben auch). Gestern war ein blauer Tag. Falls ihr nicht wisst, was in Katzensprache ein „blauer Tag“ ist, verrate ich es euch hiermit: es ist der Tag, an dem Wanja sagt „es gibt einen schlechten Meteor“ und dann klettern sie aufs Dach und packen alles blau ein. Meistens regnet es danach... (Geschrieben von einem Katzenüberseher)


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Kommentare: 3
  • #1

    Lenia (Sonntag, 09 August 2015 10:24)

    ohohoh, wie wunderbar!
    da wächst meine Vorfreude bei jedem Bild und euren Berichten, in oberlinimpulsischer Tradition aus verschiedenen Perspektiven ^^
    Bei dem einen Bild kann mensch durch das Haus durchgucken :)
    Ist denn überhaupt noch Arbeit übrig wenn ich komme? ;-)

  • #2

    Michael Jacobi (Sonntag, 09 August 2015 20:57)

    Klasse! Es scheint ja richtig gut zu laufen. Alle machen verschiedene Sachen, "doch alle haben wir ein gemeinsames Ziel". Passt gut auf, wo's drauf ankommt und macht weiter so. Ich bin begeistert.

  • #3

    Klaus-Ulrich Steffens (Freitag, 21 August 2015 11:01)

    Vor - oder nach 40 Jahren?
    Kann es kaum glauben, - die Bilder erinnern mich an die Bauzeit 1974-78, als Dachstuhl, Fassade und Dach aufgebaut wurden. Heute kommt es mir wie im Traum vor, dass wir damals genauso verwegen und mutig waren... Doch die Bilder gleichen sich, auch Eure Berichte und das fröhliche Singen bei der Arbeit! Einfach toll!
    Bin gespannt auf das Treffen im Oktober, wo ich Eure Arbeit ansehen und und hoffentlich viele Freunde wieder sehen kann!