Mythen und Märchen - wie sie uns prägen und was sie heute für uns bedeuten - Neujahrstagung


Hier ein paar Eindrücke.

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Hörspiel
In einer Interessengruppe ist dieses Höhrspiel entstanden.
Wolf Projekt zusammen 2014.mp3
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Hier ein modernes Märchen, das in der Interessengruppe kreatives Schreiben entstanden ist. Viel Spaß beim schmökern!

 

Vielleicht wird einmal ein Prinz, der noch 
nicht gestorben ist, Besuch bekommen von
einem Bruder Grimm, der die alten Volks-
märchen aus der erzählten Lebendigkeit in
staubige Bücher verbannt hat. Der graue Schreiberling ist eingeladen
worden und steigt in seine Kutsche, um
hinzufahren. Er denkt an die edle Prinzessin,
wie sie in goldenem Gewand neben dem helden-
haften Gemahl gebratenes Wild speist und alle
Welt durch ihre Schönheit bezaubert. Doch was sieht er, als er ins Schloss kommt? Da sitzt der Prinz vorm Flachbildschirm und
bekämpft voller Begeisterung einen Drachen
uund zehn weitere Ritter. Er ist gerade am
Gewinnen und jubelt dem Eintretenden zu.
Dieser hat so etwas noch nie gesehen, traut
sich aber nicht, um eine Erklärung zu bitten,
sondern fragt stattdessen nach der Gattin.
Die sei ausgezogen, bekommt er zwischen
atemlosen Kampfesrufen zur Antwort, habe
sich hinter dem Schloss ein Baumhaus
gezimmert. Der Besucher weiß nichts mit der Situation
anzufangen und bleibt einfach neben der
Türe stehen. Im Saal des Schlosses, in dem
sie sich befinden, verlaufen kreuz und quer
ein paar Kabel, auf einer Eichentafel steht
der PC, davor der Prinz in einem alten
Sessel, ansonsten ist der Raum leer. An den
hohen Wänden hängen alte Ahnenbilder, die zu
einem großen Teil mit Urkunden überklebt
sind, die an gewonnene virtuelle Schlachten
und Turniere erinnern. Endlich begrüßt der Hausherr seinen Gast mit
einem vergnügten Handschlag und bietet ihm
einen Drink an, den ein Diener auf seinen
Funkspruch hin sogleich serviert. Schweigend
trinken sie. Erst nach dem vierten Glas
erlaubt sich der Dichter nach dem Grund der
Einladung zu fragen. Die Stimmung des
ergrauten Recken ändert sich schlagartig und
er seufzt. Er habe, erzählt er mit düsterer
Mine, zu seiner Silbernen Hochzeit eine neue
Ausgabe der Grimmschen Märchen bekommen und
sie gierig und voller Schwermut gelesen. Im
Nachhinein bereue er dies allerdings bitter
– Träumerei verursache bloß Kopfschmerzen
und außerdem sei er sehr enttäuscht, dass
die Geschichten auch in der 849. Ausgabe
immer noch jeglichen Realitätsbezug entbehrten.
Er habe ihn als Autor heute eingeladen, um
ihm einen Eindruck von seinen Märchen aus
anderer Perspektive zu geben. So? sagt der Literat, was haben Sie mir
denn zu berichten? Er wolle ihn über den
weiteren Verlauf seiner eigenen Geschichte
und natürlich auch über einige Details, die
im Buch verschwiegen worden waren, infor-
mieren. Nichts sei so gekommen, wie erhofft, erzählt
der Mann, der im Märchen als Drachenbe-
zwinger dargestellt worden war. In der
Hochzeitsnacht habe ihm die Prinzessin, für
die er durchs Feuer gegangen und tausend
Tode gestorben sei, verschiedene Dinge er-
öffnet. Erstens: Sie sei keine Jungfrau mehr.
Zweitens: Sie schlafe lieber allein als im
Doppelbett. Drittens: Ihr sei es egal, ob
Menschen Abenteuer bestünden – sie habe dem
Drachen eine Stirnlampe und mancherlei Firle-
fanz geschenkt, damit er den Hieb der letzten
Kampfessekunde ohne Kraft setzen möge – sie
wolle nicht so viele Menschenleben auf dem
Gewissen haben. Fast alle Prinzen hätte sie
vor dem Kampf mit den unterschiedlichsten
Mitteln davon überzeugt, sich im entschei-
denden Moment tot zu stellen, da sie ihre
Freiheit nicht aufgeben wolle, nur damit
ihr Vater sie in die gute alte Königinnen-
laufbahn stecken wolle. Nur er, der letzte Bewerber um ihre Hand,
sei nicht von seinem Siegerwillen abzu-
bringen gewesen, so dass sich zu guter Letzt
der Drache tot stellen musste, der dieses
Mal ein rosa-glitzerndes Klingelschild für
seinen Höhleneingang bekommen hatte. Der
Prinzessin sei nichts anderes übrig geblie-
ben, als ihren Vater mit einer Hochzeit von
schauspielerischer Höchstleistung zufrieden
zu stellen, sodass er noch am selben Abend
mit einem seligen Lächeln verstarb. Dann sei die Hochzeitsnacht mit ihren eben
genannten Eröffnungen gekommen, die dem
verträumten Jüngling nach und nach zu einer
anderen Weltsicht verholfen hätten.
Inzwischen sei er überzeugt davon, dass
hinter jeder Liebes- bzw. Ehegeschichte noch
mehrere Schichten an Realitäten lägen, die
sich kaum einem Außenstehenden je zeigten...
Der Besucher, der mit großen Augen zugehört
hat, ist neugierig geworden auf das Leben,
welches die beiden unverliebt vermählten nun
führen. Er würde gerne die bestecherische
Prinzessin sehen und mit ihr sprechen, sagt
er. Das sei leider nicht möglich, bekommt
er zur Antwort, sie empfange nur zwei mal
wöchentlich Besuch, an den anderen Tagen
arbeite sie als Türsteherin in einer
Drachenschule, gehe jagen, mit ihrem
einzigen Mitbewohner, dem Falken, oder
beschäftige sich mit esoterischen Geheim-
wissenschaften. Dem Schriftsteller, dessen Weltsicht die
ersten Risse bekommen hat, bliebt also
nichts anderes übrig, als sich weiter seinem
Gastgeber zu widmen. Dieser wendet sich
jedoch seinem Bildschirm zu, er will wieder
für einige Zeit vergessen – er ist immer
noch ein wenig enttäuscht von seiner
Lebenssituation – sodass der Besucher die
Kutsche besteigt und in sein gesetztes
Zuhause zurückkehrt. - Wird er wieder
anfangen, zu schreiben?

 

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